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Die Sache mit der Balance

April 19, 2018

Man hört es immer wieder: „Dein Pferd hat keine Balance, da müssen wir was machen!“ oder „Merkst du wie dein Pferd die Balance verloren hat?“

Doch warum ist die Balance so wichtig und welche Verhaltensmuster sind davon abhängig?

 

Ich fange im Ursprung an und schaue mir, unabhängig vom Pferd, die Wortbedeutung an. Google bringt mir gleich folgenden Eintrag:

 

1. PHYSIK

der Zustand, in dem entgegengesetzt wirkende Kräfte gleich stark sind.

"Die beiden Waagschalen sind jetzt in der Balance."

 

2. gehoben

seelische Ausgeglichenheit.

"Nach der Krise scheint sie jetzt wieder ihre Balance gefunden zu haben."

 

Diese beiden Definitionen möchte ich gerne aufgreifen, um die Wichtigkeit der Balance beim Pferd zu verdeutlichen.

 

Beginnen wir mit der physikalischen Seite. „…der Zustand, indem entgegengesetzt wirkende Kräfte gleich stark sind.“  Hierzu fällt mir sofort eine der drei Definitionen der Geraderichtung ein: „Gleiche Kraft auf beiden Seiten!“

Das Pferd besitzt 2 Körperhälften die durch Muskelketten arbeiten. Ist eine der beiden Seiten stärker ausgeprägt, führt das zu Verspannungen von Muskelgruppen oder vermindert die Dehnfähigkeit der Muskeln auf einer Körperhälfte (im Alttag spricht man auch von einem verkürzten Muskel).Man spricht von der Schiefe des Pferdes. Unsere Vierbeiner besitzen alle eine natürliche Schiefe, für dessen Entstehung es einige Theorien gibt. Beginnen wir, mit einem Pferd zu arbeiten und es zu einem Reitpferd auszubilden, so ist die erste Aufgabe des Menschen, diese natürliche Schiefe zu kompensieren. Das erreichen wir mit dem richtigen Training. Die Muskeln sollen auf beiden Seiten des Pferdes gleich gut ausgebildet sein und die Hinterbeine soll sowohl auf gerader als auch gebogener Linie der Spur der Vorderhand folgen. Auch soll sich das Pferd auf beiden Seiten gleich gut Stellen und Biegen lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, dauerte die Ausbildung der Pferde bei den alten Meistern etwa drei Jahre. Kein Pferd durfte galoppieren, ehe es nicht Piaffieren konnte. Die Ausbildung erfolgte langsam und mit Bedacht. Doch wie sieht die Ausbildung heute aus? Die Pferde müssen innerhalb von 3 Monaten alle 3 Grundgangarten beherrschen und mit 5 Jahren geht es die erste L-Dressur. Von den Pferden wird viel zu schnell zu viel verlangt, ohne auf die körperliche Konstitution Rücksicht zu nehmen. Pferde leiden unter Verspannungen, es kommt zu Fehlbelastungen mit Gelenkschäden als Folge. Viel Arbeit für die Physiotherapeuten!

Aber zurück zur Balance. Was hat diese nun mit dem ganzen Thema zu tun? Sie hängt eng mit der Geraderichtung zusammen. Ein nicht ausbalanciertes Pferd, wird immer versuchen, seine Unsicherheiten im Körper auszugleichen. Dies erreicht es, indem es sich im Körper verstellt, verdreht oder sich sogar wehrt. Oft wird es fahrig und beginnt zu rennen. So ein Pferd wird sich nie Geraderichten lassen. Zum einen, weil es nicht zuhört. Es ist nur damit beschäftigt, aus dieser, für ihn unangenehmen Situation  zu entkommen. Zum anderen, weil es immer wieder die Balance verliert, sich verspannt und so die dringend benötigten „richtigen“ Muskeln zum Ausbalancieren nicht entwickeln kann. Ein Teufelskreis, der zugleich zeigt, wie wichtig eine langsame und gute Ausbildung ist. Bevor man in die nächste schnellere Gangart wechselt, sollte man sicher sein, dass sich das Pferd ausbalanciert tragen kann. Stellt euch vor, ihr tragt ein Kind auf den Schultern. Ihr lauft in normaler Geschwindigkeit, kommt ins Schwanken und müsst euch sehr darauf konzentrieren nicht zu stürzen, weil ihr das Gewicht auf den Schultern nicht gewöhnt seid.  Keiner würde jetzt auf die Schnapsidee kommen, los zu rennen. Erst wenn ihr im sicher laufen könnt, werdet ihr schneller.

 

 

Doch auch den 2. Punkt der Definition, möchte ich nicht außer Acht lassen. „seelische Ausgeglichenheit“.

Hierzu möchte ich zuerst die Frage stellen: Wann sind wir als Menschen ausgeglichen? Wenn wir uns sicher fühlen! Wenn wir keinen Stress haben! Wenn wir innerlich ruhig sind!

Gleiches gilt für Pferde. Die größte Angst der heutigen Pferde, ist nicht das Raubtier, das sie fressen könnte, denn auch unsere Pferde haben inzwischen gelernt, dass sie nicht mehr in höchster Gefahr sind. Nein, es ist die Balance zu verlieren und hinzufallen. Trotz der Sicherheit die den Pferden durch die Domestizierung gegeben wurde, sind sie immer noch Fluchttiere, die bei potentieller Gefahr, nach dem „Fight or Flight“- Prinzip handeln (kämpfen oder flüchten). Pferde mit guter Balance wissen, dass sie jederzeit einfach flüchten können und sind dadurch ruhig und gelassen. Sie sind seelisch ausgeglichen, denn sie machen sich keinen Stress.

Sind Pferde unausbalanciert und haben wenig Körperbewusstsein, dann glauben sie, nicht fluchtfähig zu sein. Das macht unsere Vierbeiner unruhig.

Diese Art Pferde ist nervös, erschrickt vor jedem wackelnden Blatt und zeigt Unarten wie Beißen, Treten, Losreisen, Steigen und Buckeln. Oft werden sie als „Problempferde“ eingestuft, doch die Ursache liegt nicht im Charakter des Pferdes, nein sie liegt in der körperlichen Balance. Sie haben dauerhaft Stress und fühlen sich nicht wohl, dadurch geht auch die seelische Balance schnell verloren. Sie sind in jeder Hinsicht, körperlich, also auch geistig „wackelig“ und das macht es dem Menschen so schwer, mit ihnen umzugehen. Sie werden oft missverstanden und für ein Verhalten bestraft, das der Mensch indirekt zu verschuldet hat.

Natürlich gibt es auch noch andere Ursachen, wie die Position des Menschen, die Art der Haltung der Pferde und eventuell bestehende Traumata, aber ich bin überzeugt, dass eine gute Balance des Pferdes, viele Verhaltensprobleme beheben kann.

 

 

Fassen wir noch einmal zusammen:

Ohne Balance kann man ein Pferd nicht gesund ausbilden. Es wird unter Verspannungen und Fehlbelastungen leiden, welche später zu Muskel- und Gelenkschäden führen können.

Das Verhalten und die Rittigkeit der Pferde, hängen maßgeblich von der eigenen geistigen, wie auch körperlichen Gleichgewicht ab.

 

Die Herstellung der Balance ist die Grundlage für die gesunde und langfristige Ausbildung der Pferde. Wir sollten uns Zeit lassen und den Pferden auch die Möglichkeit geben, sich den Anforderungen entsprechend körperlich mitentwickeln zu können und ihr Gleichgewicht zu finden.   

 

 

Foto: Die süße Florina. Noch müssen wir uns mit dem Thema Balance noch nicht beschäftigen. Sie darf noch lange Kind bleiben. 

 

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